"Ganz tief ins Herz"

Gast-Beitrag von Daniel Robbel

Das Ahrtal ist ein Fleckchen voller Sonne, Glück und Liebe.
Es ist zu hoffen, dass seine Bewohner und ihre Besucher das bald wieder spüren.


Beitrag aus dem Rotary Magazin (01.08.2021)


Das Ahrtal hat mich ins Herz getroffen. Ich bin hier aufgewachsen, ging hier zur Schule, lebe und arbeite hier. Es ist also keinesfalls übertrieben, von Liebe zu sprechen. Jeder, der einmal verliebt war, weiß, dass ein Streit erst ein richtiger Streit wird, wenn Liebe im Spiel ist. Nicht nur einmal haben mich die engen, kurvigen Straßen zur Verzweiflung getrieben. Auch die rustikale, direkte Art der Ahrtaler kann ungemein anstrengend sein. Doch diese Gefühle währen nur Sekunden. Denn das Drumherum der kleinen Landstraßen bietet atemberaubende Schönheit. Und nach jedem Grollen im Gemüt der Einheimischen, kommt sie wieder durch, diese allumfassende Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit. 

Ja, das Ahrtal ist eine Region für das Herz und alle Sinne. Jedem, der die Ahr, diesen besonderen Fluss im Norden von Rheinland-Pfalz, besucht, sei geraten, an einer beliebigen Stelle anzuhalten, die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Die Gerüche könnten nicht vielfältiger sein. Es ist der süß-saure und betörende Duft der Weinberge. Und dann ist da noch dieser ganz besondere Geruch, der entsteht, wenn eiskaltes Wasser im Sommer auf heißen Schiefer trifft. Auf den 85 Kilometern vom Ursprung bis zur Mündung in den Rhein hat dessen wilde Tochter, wie die Ahr gerne bezeichnet wird, zahlreiche solcher Eindrücke zu bieten. Nasses Laub, verbranntes Holz, auf dem Boden trocknender Rotwein. So duftet die Ahr.

Und dann hätten wir noch das Auge. Zwischen Blankenheim und Sinzig dominiert das Grün, idealerweise unter strahlend blauem Himmel. Es gibt eine Menge Natur, und Wanderfreunde kommen auf ihre Kosten. Doch die echten Hingucker sind die Weindörfer. Durchaus recht patiniert stehen sie da und erzählen mit ihren uralten Fachwerkhäusern Geschichten von alten Zeiten, von Pracht und Katastrophen, von Krieg und von Frieden. Schnörkellose Handwerkskunst trifft auf gnadenlosen Kitsch. Mal ganz rustikal, mal topmodern sehen die Parkplätze der Straußenwirtschaften der Weingüter aus. Dort steht ein Elektroauto neben einer Pferdekutsche. Oder gar einem Bollerwagen, zumeist wenn Vatertag ist und die Ahrtaler Papas gemeinsam über die Wege ziehen. Der Gegenstand der Begierde der Besuchenden ist immer der Gleiche: der Wein. So wären wir bei Sinn Nummer drei, dem Geschmack. Die Ahr ist eine Region voller Genuss. Es gibt fantastische Rotweine, die die Ahr im ganzen Land bekannt machten. Doch immer mehr geraten erstklassige Weißweine in den Vordergrund. Riskant wäre es, sich nur ein Glas Wasser zu bestellen. Der geneigte Besucher sollte sich nicht wundern, wenn der Wirt oder Winzer fragt, ob man noch Handtuch und Seife dazu haben möchte. So ist man hier eben. 

Genuss im Kloster Marienthal
Blick von der Saffenburg nach Rech
Am Rotweinwanderweg
Und dann beginnt ein neuer Morgen


Spritzige Getränke wie Blanc de Noir oder Riesling sind ideale Begleiter in einer lauen Sommernacht mit leiser Musik – das Ohr wollen wir ja nicht vergessen. Aber das Geschmackserlebnis hier, das überwiegt. In unserem Tal wachsen pralle Oliven, es gedeihen edle Trüffel, auf dem Grillrost brät die Rotweinkrakauer, eine absolute Spezialität. Die rustikale Gastronomie wird von Sterneküche gekrönt. Die Ortschaften Heppingen und Sinzig sind die Heimat ausgezeichneter Spitzenköche – das Buffet ist also immer reich gedeckt. Ganz egal, ob mit Reibekuchen oder Rinderfilet.

Gut – das Ahrtal ist also eine tolle Region. Die Natur ist schön, die Landschaft sowieso und der Wein schmeckt. Aber wie war das mit der Liebe? Die Quintessenz sind die Menschen. Stellen Sie sich noch einmal die laue Sommernacht vor, die mit dem Blanc de Noir. Stellen Sie sich die Inhaberin eines Hotels vor, die schon vor 20 Jahren das Rentenalter erreicht hat und einen Teufel tun würde, Sie schon um Mitternacht aus der Weinstube zu scheuchen. Stellen Sie sich einen Winzer vor, der sich dazusetzt und noch eine Flasche Spätburgunder aufzieht, obwohl der Wecker in nur fünf Stunden klingelt. Und manchmal, wenn das Glück stimmt, wird das Akkordeon entstaubt. Stellen Sie sich Handwerker vor, die Ihnen nach zwölf Stunden Schwerstarbeit am Straßenrand ihr Abendbrot – eine hausgemachte Mettwurst und Sauerteigbrot – anbieten, nur weil sie etwas Schönes teilen möchten.

All diese Szenen haben etwas gemeinsam. Sie enden. Und ein neuer Morgen im Ahrtal beginnt. Oftmals bleiben zwei Spuren davon zurück: Ein schwerer Kopf und ein Herz voller Liebe.

Gerade steht es nicht gut um das Ahrtal.
Die große Flutkatastrophe Mitte Juli hat fast alles zerstört, Leid und Trauer regieren.
Doch wir kleben ein Pflaster auf den Riss im Herzen und fangen wieder neu an, für eine neue Zukunft an der Ahr.
Wir bauen auf.
Wenn das Ahrtal wieder steht, kommen Sie zu uns.
Wir freuen uns auf Sie.


Über den Autor

Daniel Robbel ist in Ahrweiler aufgewachsen und lebt in Sinzig. Er ist stv. Chefredakteur einer Wochenzeitung und Verfasser mehrerer Sachbücher, darunter der Reiseführer "111 Orte im Ahrtal, die man gesehen haben muss" (Emons Verlag 2021, 240 S.).

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